Im jahr 1917 waren die Arbeitsbedingungen in Deutschen Elektrizitätswerk in Buenos Aires, Argentinien so schlecht dass ein Streik aufgerufen wurde.

Die Steikende gaben eine Mitteilung in mehreren Sprachen heraus. Dies ist eine Abschrift der Deutschen Version

 

DER STREIK IM DEUTSCHEN ELEKTRIZITÄTSWERK

In Anbetracht der kolosalen Propaganda der C.A. T. E., sowie der beispiellosen Parteilichkeit der hiesigen Deutschen Pres­se halten wir deutschen Arbeiter dieses Werkes es für unsere Pflicht, der breiteren Öffentlichkeit die wahren Ursachen des Streikes mitzuteilen.

Beginnen wir ab 1 März 1917, Hunderte von Arbeitern aller Nationen standen wochenlang vor den Toren der Usina  Dock Sud, in der Erwartung Arbeit zu erhalten.

Je näher der 1. März heranrückte, desto größer wurde dieser Haufen War­tender. Auch viele Frauen mit Kindern waren darunter, wohl in der Hoffnung, durch ihre Gegenwart das Mitleid des Direk­tors zu erregen und so ihrem Ernährer zum Brot zu verhelfen. Es war eine Zeit der Not und des Elends für die ärmeren Klassen. Nun, die Compania Alemana de Electricidad hatte diese Notlage der Arbeiter wei­dlich für ihre Zwecke ausgenutzt. Man engagierte Peone für 50 cts. per Stunde sowie Heizer, die nach bestandener Probe 105 Pesos monatlich erhalten sollten. Wohl wenige sind Zeugen gewesen, die­sen gemeinen Sklavenarbeit die damals den Arbeitern auferlegt wurde. Es ist zweifel­haft ob der zu Zwangsarbeit verurteilte Sträfling annähernd so angespannt wird wie damals  die Arbeiter im Elektrizitätswerk. Man denke, von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens, oder umgekehrt von morgens 7 bis abends 7 ununterbrochen, nur eine Stunde Esspause, gerade Zeit genug um die Mahlzeit zu verschlingen, sonst nur schwere körperliche Arbeit, tagaus, tagein, Sonntags wie Wochentags. Ja, sogar während dem Schichtwechsel 17 Stunden Dienst hinter­einander ununterbrochen. Dieselbe scham­lose Ausbeutung vollzog man an den Heizern die erst für 50 cts. per Stunde ausgeprobt wurden Welches Heer von Arbeitern auf diese Weise ausgeprobt oder besser ge­sagt ausgepumpt wurden, spottet jeder Be­schreibung. 

Hatte jemals eine der deutschen Zeitungen von dieser gemeinen Schinderei Erwähnung getan oder Mitteilung gemacht über die mehr oder minder schweren Ver­letzungen oder Verbrennungen hervorgeru­fen nicht etwa durch Zufall sondern in den meisten Fällen durch brutale Rücksichts­losigkeit?

Auch das andere Personal wurde auf ei­ne niederträchtige Art und Weise ausge­nutzt. Deutsche Handwerker, die drüben ihre Lehrzeit durchgemacht hatten und in der C. A. T. E. um Arbeit nachfragten, er­hielten meistens den Bescheid, das momen­tan kein Bedarf an Fachpersonal wäre, je­doch Peone unter Umständen eingestellt werden könnten, jedoch später dann Gelegenheit für Facharbeiter sich finden würde, etc und was dergleichen Ausflüchte mehr waren. Die Hauptsache war, das der Mann Arbeit annahm, und als Peon oder Ayudante eingetragen wurde. Selbstverständlich erhielten diese Leute ihre Facharbeit zu­gewiesen, bezogen aber natürlich nur den Lohn als Peon. Falls schließlich der eine oder andere auf seinen Beruf pochte und demgemäss Bezahlung beanspruchte, ver­wies man ihm einfach auf die Eintragung als «Peon» und ließ ihn eventuell einige Tage die Schaufel hantieren... bis zur vö­lligen Bekehrung, denn Weglaufen, das gab es ja nicht man wusste ganz genau, Chancen für Arbeit und speziell für deutsche Arbeiter gab es fast gar keine.

Körperliche Überanstrengung und mise­rable Löhnung bei fortwährender Steigerung der Lebensmittelpreise brachten es schließlich dahin, wohin es kommen musste:

Deutsche, Österreicher, Slawen Spanier Arbeiter aller Nationen verbanden sich, bildeten etwa keine Gesellschaft, Club oder Verein, sondern was diese Leute zusam­mentrieb war Armut und Elend. Was man als Löhnung erhielt langte gerade dazu um die Schulden beim Bäcker, Schlachter und Almacen zu bezahlen vom nächsten Tag an musste schon wieder geborgt werden. Also zu verlieren hatte man nichts, oder wenigs­tens nicht viel. Also los:

Viva la Huelga!!!!! , Hoch der Streik.

Was wurde nicht alles angestellt um die­sen Streik zu unterdrücken, man betrach­te nur die folgende Beihilfe: 2 Torpedoboo­te, Maschinengewehre, Hunderte von Marinesoldaten, fast die ganze Esquadron de Seguridad nebst anderer Polizei, ja sogar die Gefängniswache von La Plata war an­gerückt. Wahrhaftig die Regierung ließ sich nicht lumpen.

Hatte die Dirección wohl eingese­hen, das es so nicht weiter ging, oder hatten die Regierungsbeamten, nachdem sie sich persönlich von der Menschenausbeu­tung überzeugt hatten einen Druck auf die Gesellschaft ausgeübt?  Wer weiß?  Kurz und gut die C. A. T. E. bewilligte die gesamten Forderungen fast ausnahmslos, unter anderem die für uns sehr wichtige. Klausel:

Anerkennung unserer Arbeitergemeinschaft

Es lässt sich leider nicht vermeiden, hier den Fall Granada zu  erwähnen. Wohl jeder Deutsche weiß, welchem Zwecke der deutsche Dampfer «Granada» dient. Alle die unglücklichen deutschen Landsleute welche hier Schiffbruch erlitten haben und obdachlos umherirren, finden, oder sollen dort Unterkunft finden. (Nähe­res darüber mitzuteilen würde zu weit füh­ren), also zu Sache: Als der Streik losging entsann man sich plötzlich dieser Leute. Gesagt, getan. Der liebenswürdige Offizier der Granada ließ die Leute antreten, verlas den Befehl, sich in der Usina Dock Sud zu stellen, und drohte den Leuten, dieselben im Weigerungsfälle von Bord zu jagen. «Lieb Vaterland magst ruhig sein!!»

Man denke sich, welchen Eindruck es speziell auf uns deutsche Arbeiter machte als diese Hilfstruppe der Granada anrückte und wir die näheren Einzelheiten erfuhren. Die Mehrzahl dieser Leute nahmen wir in der Sociedad auf und beköstigten dieselben meh­rere Wochen, in der Hoffnung, die Leute in der Fabrik unterbringen zu können. Kei­nen einzigen dieser Deutschen hat die Dirección angestellt.

Aber auch das Schicksal der andern von der Granada die sich dazu hergaben den Streikbrecher zu machen, verdient Er­wähnung, da es das Verhalten der Dirección den Deutschen gegenüber in rechtem Lichte zeigt. Schreiber dieses hatte Gelegenheit, per­sönlich einen dieser armen Teufel kennen zu lernen. Der Mann war fleißig und wi­llig und jedermann gönnte ihm sein Brot trotzdem er ein Streikbrecher war. Ein paar Tage später wurde der Mann ein­fach entlassen. Grund: Keine Arbeit vorhanden!!?? 

Erst hatte man die Leute direkt gezwungen hier zu arbeiten um sie sofort wieder auf die Strasse zu setzen, als man ihrer nicht mehr bedurfte. Unsere Deutsche Presse, besonders die L. P. Zeitung hat sich während dieser Zeit wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Die Mitteilungen über unsere  Streikbewegung  waren dermaßen ungenau und parteiisch und zeigten geradezu öffentlich ihre Dienst­willigkeit der Dirección gegenüber. Doch den Vogel schoss besagte Zeitung wohl mit folgendem ab:

Als wir um Publikation ersuchten, dessen was man unseren Granada-Leuten zugefügt hatte wurde uns achselzuckend mitgeteilt das eine derartige Publikation der deutschen Sache schaden könnte, mit anderen Wor­ten Man ließ fünf grade sein und schwieg.! Nachdem der Streik zu unseren Guns­ten entschieden war, ging alles seinen Gang in voller Ordnung bis der Wechsel in der technischen Leitung eintrat und der jetzige Director die technische Führung übernahm. Seine erst Handlung war, verschiedene Arbeiten, die sonst von dem Usinepersonal ausgeführt wurden, an sogenannte Kontratisten zu vergeben. An sich wäre die Sache belanglos und vollständig in der Or­dnung, jedoch wurde dabei eine ganz bes­timmte Taktik verfolgt. Da immer mehr Leute angeworben wurden und nur 3.15 $ bei 9 Stundige Arbeitszeit gezahlt wurde, bei uns Arbeitern, der C. A. T. E. jedoch der Normallohn für diese Arbeiten 4.00 -1 bei 8 stundiger Arbeitszeit beträgt, veranlassten wir diese Leute unserer Sociedad beizutreten und ihrerseits die gleiche Lohnung zu verlangen. Schon am nächsten Tage wurde fliesen Arbeitern der 4.00 $ Lohn bewilligt jedoch alle diejenigen die unserer Arbeitervereinigung beigetreten waren, wurden entlassen. Es hat sich herausgestellt, das die soge­nannten Kontrakte nur fingiert waren, einerseits um die abgemachten Klauseln zu umgehen, andrerseits um recht viel nicht-organisiertes Personal zusammen zu brin­gen, einzig und allein zu dem Zweck bei Gelegenheit die Vereinigung der Arbeiter zu sprengen und die alten Zustände von Not und Elend wieder einzuführen. 

Doch jetzt kommt die gemeinste und niederträchtigste Handlung die uns bis jetzt gebo­ten wurde:

Ein Individuum, namens Oswald Jonke das früher kolossal Propaganda in Sachen «Pro aliados» machte und vor einigen Mo­naten aus der Vereinigung hinausgeworfen wurde, versucht jetzt, auf unser patriotis­ches Gefühl! klopfend uns einzureden, dieser Streik wäre eine Mache der Aliados. Die­ser Mensch der früher vor Schulden nicht aus noch ein wusste, und dem man die Sammlung für die Granada Leute nach 7 Monaten gewaltsam abnehmen musste, ver­fügt jetzt wie sein andrer Helfershelfer über Geldmittel, die man sonst bei diesen Leuten nie gewohnt war.

Es liegt nicht in unserer Absicht nachzuforschen, woher plötzlich das Geld stammt, aber wir verwahren uns auf das entschiedenste dage­gen, das unsere deutsche Sache hier bei diesem Kampf zwischen Kapital und Ar­beit auf solche infame Weise ausgenutzt wird. Um was dreht sich denn der Streik? Wir verlangen keine Lohnerhöhung, keine Verkürzung der Arbeitszeit, sondern einzig und allein die Anerkennung unserer Sociedad denn nur diese allein ist es wel­che uns den mit der Gesellschaft festge­legten Lohn garantiert.

Warum gibt man der Sache fälschlich einen politischen Anstrich? Warum pras­seln fortwährend Flugblätter in deutsch, spanisch slawisch, ja sogar in türkisch auf uns nieder, alle mit demselben. Gewäsch das man uns Untertanen der Zentralmächte an die Luft setzen und dafür Aliados einsetzen will. Unablässig arbeiten die D. W. G. und das famose deutsche Seemannsheim um Streikbrecher anzuwerben. Und allen die­sen Angeworbenen wird das Märchen von dieser Aliados Gefahr weißgemacht. Unsere Vorahnung hat sich leider bestätigt. Diese philanthropischen Institute haben wenig mit Philanthropie zu tun und stehen ausschließlich im Dienste des Kapitalismus. Aber wisset, ihr verantwortlichen Leiter dieser beiden Gesellschaften, auch wir, die wir die Sachlage erkannt haben, auch wir wer­den uns verteidigen und aufklärend wirken, um unsere Existenz aufrechtzuerhal­ten. Ihr habt voriges Jahr Streikbrecher geschickt, auch die Granadaleute, dieses Jahr dasselbe Manöver. Wir werden unse­re Konsequenzen ziehen. Die Verantwortung für das was kommen mag fällt auf euch zurück. Mögen diese Herren wissen, Innerhalb unserer Vereinigung gibt es keine Disku­ssion über Politik oder Nationalstolz. Wir halten zusammen, einzig und allein zudem Zweck, uns und unserer Familie das täg­liche Brot zu erhalten. Darum einzig und allein handelt es sich in diesem Streik. Da sich uns deutschen Arbeitern der C. A. T. E. sonst keine Gelegenheit bietet gegen die vielseitigen verleumderischen Angriffe uns wirksam zu verteidigen, ha­ben wir uns veranlasst gesehen, der deut­schen Kolonie in Argenlinien die wahren Ursachen des jetzigen Streiks auf diesem Wege mitzuteilen, ebenso die Mittel, die angewandt werden, um uns Arbeiter der C. A. T. E. der früher erhaltenen Rechte /zu berauben.

Im Auftrage seiner Kameraden

ein deutscher Arbeiter

der C. A. T. E.